Eva von Tiele-Winckler

Eva von Tiele-Winckler

Eva von Tiele-Winckler, weithin bekannt als »Mutter Eva« war eine Diakonisse und eine der ersten Frauen in einer Führungsposition bei der Diakonie. In diesem Magazinartikel stellen wir Ihnen diese außergewöhnliche Frau vor.

Kindheit & Jugend

Eva von Tiele-Winckler wurde am 31. Oktober 1866 auf Schloss Miechowitz in Oberschlesien (heute Bytom in Polen) als zweitjüngstes von insgesamt acht Kindern geboren. Als Tochter einer Großindustriellenfamilie, die damals zu den Reichsten des Deutschen Reiches galt, wuchs sie in entsprechendem Wohlstand auf. Doch dadurch lebte sie auch weitestgehend abgeschirmt vom täglichen Leid der arbeitenden Bevölkerung – deren Alltag oft von Hunger, Krankheit, Alkoholsucht und einer hohen Kindersterblichkeitsrate (aufgrund der schweren Arbeit in den Bergwerken) geprägt ist. Denn einen eigenen Arzt gibt es in Miechowitz zu dieser Zeit nicht.

Trotzdem besitzt Eva von Tiele-Winckler, vor allem durch ihre katholische Mutter, schon eine starke Frömmigkeit und den Wunsch, den Menschen Gutes zu tun. Dieser Entschluss verfestigte sich vor allem nach dem Tod der Mutter im Jahr 1879. Als sie mit 16 Jahren im Konfirmationsunterricht auf die Bibelstelle über Jesus als den Guten Hirten (Johannes 10) stößt, sieht sie darin ihr neues Lebensziel. Gott hat ihr die Augen für das Elend in ihrer Heimat geöffnet, und Eva beschließt, sich fortan ganz im Sinne der christlichen Nächstenliebe um diese notleidenden Menschen zu kümmern.

Der Friedenshort

Da ihr für ihr Vorhaben aber noch die nötigen Kenntnisse fehlen, begibt sie sich 1885 nach Bielefeld-Bethel, um sich dort umfassend in der Krankenpflege ausbilden zu lassen. Dort knüpft sie auch Bekanntschaft mit Pater Friedrich von Bodelschwingh, der Zeit ihres Lebens zu einem wichtigen Berater werden sollte.
Zurück in Miechowitz ließ ihr Vater für sie auf dem Gelände des Schlosses ein Gebäude errichten, in dem sie sich der Pflege der kranken und hilfsbedürftigen Dorfbewohner widmen konnte. In diesem »Friedenshort« genannten Haus werden auch Waisen und Kinder aus verarmten Familien versorgt. Bald reicht der Platz nicht mehr, und es kommen weitere Gebäude hinzu.
Auf Anraten von Franz von Bodelschwingh gründet Eva von Tiele-Winckler 1893 eine Diakonissen-Schwesternschaft, der sich im Laufe der kommenden Jahre mehr als 800 Frauen anschlossen. 1900 übernimmt Eva deren Leitung.
Eine damalige Besonderheit waren die sogenannten »Kinderheimaten«, die Eva von Tiele-Winckler erschuf und in denen sie auch aktiv mitarbeitete. Das Konzept bestand darin, dass Diakonissen und Mitarbeiterinnen in diesen Häusern mit den ihnen anvertrauten Kindern in einer kleinen, familienähnlichen Gruppe leben. Dies sollte den Kindern unterschiedlicher Altersstufen nicht nur ein Zuhause, sondern auch eine feste Bezugsperson geben. 
Die Idee findet bei zahlreichen Menschen Anklang. Viele Freunde des Friedenshorts übernehmen Patenschaften für ein Kind und begleiten dieses oft sein Leben lang. Die Gruppe der Paten nennt Eva »Sternenbund«, weil sie der Ansicht ist, dass diese Erwachsenen den Kindern wie ein Stern Licht geben.

Heimat für Heimatlose

Ganz die Tochter eines Unternehmers, schließt Eva von Tiele-Winckler die 42 Kinderheimaten zu einer GmbH zusammen: Der »Heimat für Heimatlose« – die weltweit erste Institution der Diakonie in dieser Unternehmensform.

Doch Eva von Tiele-Winckler ruht sich nicht aus. Sie treibt ihr Werk immer weiter voran und unternimmt zahlreiche Reisen im In- und Ausland. So steigt auch ihre Bekanntheit und die Schwesternschaft wächst weiter an. Zur Hauptarbeit der Kinder- und Jugendhilfe kommt nun noch die Seelsorge für Gefangene und die Missionsarbeit im Ausland hinzu. Bereits 1912 reisen erste Diakonissen nach China (wo sie ihre Arbeit bis 1951 fortsetzen). Auch in Norwegen, Indien, Ägypten, Guatemala, Syrien und auf den Samoa-Inseln verrichten die Schwestern des Friedenshorts ihren Dienst.

Lebensende

Am 21. Juni 1930 stirbt Schwester Eva von Tiele-Winckler im Alter von 63 Jahren in ihrer Heimat Miechowitz. Dort befindet sich auch heute noch ihre Grabstätte. Auf dem schlichten Grabstein sind die Worte »Ancilla Domini« zu lesen – »Magd des Herrn«. Denn so verstand sie sich selbst und ihre Arbeit. Immer getreu dem biblischen Leitsatz: »Nichts ist unmöglich dem, der da glaubt!«

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