Papst Franziskus - Seine Theologie in Büchern und Schriften
Ein Kritiker des Establishments und moralische Instanz
Franziskus I. (* 17. Dezember 1936 in Buenos Aires, † 21. April 2025 im Vatikan), mit bürgerlichem Namen Jorge Mario Bergoglio, war der 266. Papst in der Geschichte der katholischen Kirche. Er war der erste Lateinamerikaner und das erste Mitglied de Jesuitenordens auf dem Stuhl Petri. Seine Amtszeit dauerte von März 2013 bis April 2025.
Wurzeln seiner Theologie
Papst Franziskus war ein Mann klarer Worte. Wenn er seine Lehre verkündete oder Missstände anprangerte, wirkten manche seiner Aussagen zuweilen hemdsärmlig, wie auch inspirierend und voller Tatendrang. Nicht nur in seinen Predigten und Reden wurde dies deutlich, sondern auch in den zahlreichen Schriften.
Doch woher kam dieser für einen Pontifex ungewohnte Tonfall? Ein Blick in die Vergangenheit bringt uns Franziskus als geistlichen Autor näher.
Die theologische Prägung des Papstes
»Maestro en teología« (»Meister in Theologie«) - so bezeichnete einst der spätere Papst, damals noch Kardinal Jorge Mario Bergoglio, den argentinischen Theologen Lucio Gera, der 2012 verstarb. Die Würdigung ließ Bergoglio auf Geras Grabstein verewigen. Wer also war Lucio Gera, der als der prägende theologische Lehrer von Papst Franziskus gilt?
Wie Franziskus war auch Gera Sohn italienischer Auswanderer. Er wird zu den Vätern der argentinischen Befreiungstheologie gezählt und als Vertreter der »Kirche der Armen« angesehen. Gera war es, der seiner Theologie die Analyse der herrschenden Verhältnisse zugrunde legte. Bei ihm erwuchs die Theologie aus der Pastoral. Ein wegweisender Ansatz für die Befreiungstheologie – und für Papst Franziskus.
Deutliche Worte - der politische Papst
»Evangelii gaudium« - eine Art Regierungserklärung für das Pontifikat
Die Hinwendung zu diesen theologischen Lehren brachte Franziskus viel Lob, aber auch ebenso viel Kritik ein. Franziskus predige ein Evangelium der Anpassung, anstatt sich den katholischen Dogmen entsprechend entschieden gegen die gottlose Gegenwart zu wehren. Sogar der Vorwurf der Selbsterlösung wurde laut.
Vor diesem Hintergrund war seine teils scharfe Kritik an der Abschottung der katholischen Kirche von der Wirklichkeit in seinem ersten apostolischen Schreiben »Evangelii gaudium« zu verstehen. Franziskus hingegen sprach sich für eine Kirche aus, die den Armen hilft und sie integriert.
Mir ist eine 'verbeulte' Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist.
Evangelii gaudium, 1. Kapitel, V. Abs. 49
Umstritten war auch die Kapitalismuskritik des Papstes. Dabei übte Franziskus keinesfalls Generalkritik an einem Wirtschaftssystem, sondern legte den Finger in die Wunde. »Die Tätigkeit eines Unternehmers ist eine edle Arbeit«, wenn sie tatsächlich darauf ausgelegt sei, »dem Gemeinwohl zu dienen«. Sünde sei jedoch die Ungleichverteilung der Güter und die Ausbeutung der Schöpfung.
Daraus leitete Franziskus auch ein weiteres Problem ab: Wer in täglicher Sorge um seine Existenz lebt, der könne den Sinn eines christlichen Leben gar nicht hinterfragen. Es handle sich um »schwache und schutzlose Wesen, die wirtschaftlichen Interessen oder einer wahllosen Ausnutzung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind«.
Franziskus scheute sich nicht, Missstände aufzudecken und öffentlich zu diskutieren. In bildreichen Worten und mitreißendem Stil fand der Papst Zugang zu vielen Gläubigen. Wer ihn jedoch als bloßen Weltverbesserer und Moralapostel abtut, der täuscht sich.
Trotz der einfachen Sprache steckte hinter den Schriften des Pontifex theologische Substanz. Seine Kritik reichte über einen bloßen Appell an die Vernunft hinaus, denn »aus eigener Kraft« könnte das »isolierte Individuum« nicht moralisch handeln. Franziskus begab sich stattdessen auf eine mystische Ebene, wo einzig der Glaube zum moralischen Handeln führen könne:
Aber ich weiß, dass keine Motivation ausreichen wird, wenn in den Herzen nicht das Feuer des Heiligen Geistes brennt.
Evangelii gaudium, 3. Kapitel, I., Abs. 113
Die Enzykliken & apostolische Schreiben von Papst Franziskus
»Lumen fidei - Licht des Glaubens«
Ebenso wie »Evangelii gaudium« erschien auch die erste Enzyklika von Papst Franziskus »Lumen fidei« (»Licht des Glaubens«) im Jahr 2013. Erstmals in der Geschichte der Kirche wurde mit »Lumen fidei« eine Enzyklika zweier Päpste veröffentlicht, denn ein Großteil der Lehrschrift wurde dem damals bereits emeritierten Papst Benedikt XVI. zugerechnet.
Die Enzyklika beschäftigt sich mit den Grundsätzen des christlichen Handelns. Zentrale Aussage ist, dass der Glaube auch eine Konsequenz im alltäglichen Handeln eines jeden Gläubigen haben muss.
»Laudato si' - Gelobt seist du« & »Laudate Deum – Lobt Gott«
Bereits zwei Jahre später legte Franziskus mit »Laudato si'« (»Gelobt seist du«) eine zweite Enzyklika zum Umwelt- und Klimaschutz nach. Franziskus hatte durchaus mit Kalkül den Zeitpunkt der Veröffentlichung gewählt und wollte Einfluss auf die UN-Klimakonferenz 2015 in Paris nehmen. Zahlreiche Wissenschaftler bestätigten der Enzyklika die korrekte Wiedergabe des aktuellen Forschungsstands, so dass sie nicht zuletzt aufgrund der politischen Dimension eine große öffentliche Resonanz erfuhr.
Der Papst scheute sich nicht vor Deutlichkeit und Drastik, wenn er den Status quo anprangerte. »Selbstmörderisch« sei der Lebenswandel der Menschen, die die Welt in eine »unermessliche Mülldeponie« verwandelten. Franziskus trat in der Enzyklika als Mahner auf, die Schöpfung zu wahren und bestehende Probleme nicht einfach beiseite zu schieben:
Es ist die Weise, wie der Mensch sich die Dinge zurechtlegt, um all die selbstzerstörerischen Laster zu pflegen: Er versucht, sie nicht zu sehen, kämpft, um sie nicht anzuerkennen, schiebt die wichtigen Entscheidungen auf und handelt, als ob nichts passieren werde.
Laudato si, Kapitel 1, VI., Abs. 59
Doch im Jahr 2023 war dem Papst zufolge noch zu wenig zur Eindämmung der Umweltkrise geschehen. Also beschloss der Pontifex noch einmal nachzulegen und veröffentlichte das Apostolische Schreiben »Laudate Deum – Lobt Gott«. Besonders angeregt durch Extremwetterereignisse der jüngsten Vergangenheit, überlegte er, was wir als Gesellschaft und als Einzelne tun können. Dabei stützte sich Franziskus nicht allein auf Spiritualität und Glauben, sondern auch auf naturwissenschaftliche Tatsachen und brachte die Zusammenhänge von Wirtschaft, Politik und dem Bemühen eines jeden auf den Punkt.
»Amoris laetitia« - Positionen zur Familie
Auch im zweiten apostolischen Schreiben blieb Papst Franziskus seiner Linie treu. Große Erwartungen wurden in das apostolische Schreiben von Papst Franziskus »Amoris laetitia« (»Freude der Liebe«) gesetzt, in dem er seine Position zu den Ergebnissen der beiden Familiensynoden darlegte. Während der Synoden hatte er seine Standpunkte nicht offengelegt, so dass die päpstliche Haltung mit Spannung erwartet wurde.
Der Wunsch nach Familie und dauerhafter Bindung ist auch in der jungen Generation nach wie vor groß, schrieb Papst Franziskus in den einleitenden Worten seines Buchs »Freude der Liebe«. Umso mehr gelte es deshalb, der Institution Familie von kirchlicher Seite aus den Rücken zu stärken und sich den »Probleme(n) der Familien in der Welt« helfend anzunehmen.
Familien in unserer heutigen Gesellschaft sind vor vielfältige Herausforderungen gestellt, so Franziskus. Ihre aktuellen Ansprüche, Wünsche und Probleme gelte es aufzunehmen und zu begleiten. Als problematisch benannte er unter anderem den Stellenwert von Besitz und Genuss, der immer mehr in den Vordergrund trete. Wichtig ist Franziskus in dem Zusammenhang auch, Rücksicht auf die Vielfalt und die Verschiedenartigkeit der Kulturen zu nehmen und niemanden aus der Fürsorge auszuschließen:
Es geht darum, alle einzugliedern; man muss jedem Einzelnen helfen, seinen eigenen Weg zu finden, an der kirchlichen Gemeinschaft teilzuhaben, damit er sich als Empfänger einer 'unverdienten, bedingungslosen und gegenleistungsfreien' Barmherzigkeit empfindet.
Amoris laetitia, Kapitel 8, Abs. 297
Bewusst nahm der Heilige Vater hier jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit in den Blick. An diesem Fokus orientieren sich auch seine weiteren Ausführungen. »Freude der Liebe« möchte sowohl für die theologische Seite, den Dialog und die pastorale Praxis Anleitungen liefern als auch den Familien Orientierung und Anregungen geben.
Um seine Position deutlich zu machen, folgte Papst Franziskus nah dem Bild der Familie, wie es die Heilige Schrift und die Lehre Jesu zeichnet. Im selben Zuge zeigte er sich offen für aktuelle Probleme und gesellschaftliche Verhältnisse, die er wach verfolgte, benannte und verhandelte. Besondere Berücksichtigung fanden die Empfehlungen der Bischöfe zum Umgang mit sogenannten irregulären Situationen. Gemäß der Berücksichtigung des Einzelnen sollen die Seelsorger stärker nach der konkreten Situation entscheiden:
Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben, gegenüber denen, die in 'irregulären' Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft.
Amoris laetitia, Kapitel 8, Abs. 305
Die Äußerungen zu Ehe und Familie, so Franziskus, haben eine spezielle Bedeutung im heiligen Jahr der Barmherzigkeit. Die »Gaben der Ehe und der Familie« gilt es, bewusst anzunehmen und Werte wie »Großherzigkeit, Verbindlichkeit, Treue oder Geduld« zu leben. Sein Schreiben wollte dazu ermutigen, »selbst Zeichen der Barmherzigkeit und der Nähe zu sein«.
Dass Franziskus keinen Konflikt mit seinen Kritikern scheute, wurde einmal mehr deutlich. Die Möglichkeit einer Öffnung der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, die laut Franziskus gute Katholiken und Teil der kirchlichen Gemeinschaft sein könnten, wurde besonders in konservativen Kreisen kontrovers diskutiert.
»Gaudete et exsultate« - über die Heiligkeit im Alltag
Zeitnah zum fünfjährigen Jubiläum seines Pontifikats veröffentlichte Franziskus das dritte apostolische Schreiben »Gaudete et exsultate« (»Freut euch und jubelt«), das der Heiligkeit im Alltag gewidmet ist. Franziskus ermutigte die Gläubigen dazu, dass jeder Heiligkeit erreichen könne. Nicht alles, was ein Heiliger tue, sei perfekt, so Franziskus und Heiligkeit bedeute auch »kleine Dinge in großartiger Weise zu erledigen.«
Es gefällt mir, die Heiligkeit im geduldigen Volk Gottes zu sehen: in den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln.
Gaudete et exsultate, Kapitel 1, Abs. 7
Gleichzeitig warnte Franziskus erneut vor einem Verfall in »elitäre Selbstgefälligkeit« einiger Christen, die sich durch vermeintlich streng gelebten Glauben selbst verwirklichten, anstatt »sich vom Geist auf den Weg der Liebe führen zu lassen«.
In Kreisen der katholischen Würdenträger fand das Schreiben Anklang. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx äußerte sich erfreut über die bodenständigen Worte des Papstes:
»Das Schreiben ist eine authentische Aufforderung von Papst Franziskus, voll Freude, Optimismus und Offenheit für Gottes Wort alles Mittelmaß hinter sich zu lassen und aufzubrechen. Dabei macht er deutlich, dass dies nur im Miteinander und im Zugehen auf die Mitmenschen möglich ist. Wer versucht, 'Gaudete et exsultate' unter kirchenpolitischen Aspekten zu analysieren, geht mit Sicherheit an der Intention des Heiligen Vaters vorbei. Wer sich hingegen anstecken lässt, das eigene Leben zu überdenken und darin neu nach der Heiligkeit zu suchen, ist auf dem richtigen Weg.«
Ob für Kritiker oder Fürsprecher – bequem war Papst Franziskus nie. Er vermochte es, Menschen zum Nachdenken zu bewegen und eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Er legte schonungslos gesellschaftliche Missstände und Probleme offen und zeigte auf, dass das Ausleben des katholischen Glaubens die Welt ein kleines Stück besser machen kann.
Diejenigen, die sich für die Verteidigung der Menschenwürde einsetzen, können im christlichen Glauben die tiefsten Argumente für diese Aufgabe finden.
Laudato si, Kapitel 2, II., Abs. 65
»Fratelli tutti - Über die Geschwisterlichkeit«
Mit Spannung wurde im Oktober 2020 die dritte Enzyklika mit dem Titel »Fratelli tutti« erwartet. In seinem neuesten Lehrschreiben widmete sich Papst Franziskus den drängenden Themen unserer Zeit: Corona-Pandemie, soziale und ökologische Gerechtigkeit, Klimawandel, interreligiöse Kooperation und internationale Solidarität.
Entstanden war ein Grundsatzdokument zu einer umfassenden gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Neuorientierung nach der Corona-Krise. Das päpstliche Lehrschreiben richtete sich natürlich nicht ausschließlich – wie der Titel eventuell vermuten lässt – nur an Männer, sondern an alle Frauen und Männer, die guten Willens sind.
Die Enzyklika »Fratelli tutti« enthält eine Botschaft, die alle Menschen betrifft und alle einschließt: ein Appell an die Geschwisterlichkeit aller und die soziale Freundschaft zwischen den Menschen.
Dilexit nos – »Er hat uns geliebt«
Die vierte Enzyklika von Papst Franziskus wurde als eine Art geistlichen Testament verfasst und setzt seine bisherigen Lehrschreiben unter eine gemeinsame Klammer. Sehr persönlich beschreibt das Kirchenoberhaupt seine eigenen Erfahrungen in der Kindheit und erklärt, aus welchen Quellen sich sein Glauben, sein Traum von einer besseren, gerechteren Welt und seine Sorge für die Umwelt speisen. Im Zentrum seines Lehramts steht: das Herz und damit die Liebe. Papst Franziskus möchte den Leser dazu anregen, die Liebe Jesu zu uns Menschen als das Wichtigste im Leben wiederzuentdecken. Nur wenn die Liebe wieder in den Mittelpunkt gerückt wird, kann der christliche Glaube überzeugend und attraktiv gelebt werden.